Deutscher Entwicklungsdienst (DED)
Afghanistan News 44, Juli 2004
Ein Zahnarzt für Afghanistan
Dr. Hermann Ester (CIM) als ‚Integrierte Fachkraft’ in der Zahnklinik Kabul
Deutsche Fachkräfte genießen in Afghanistan einen exzellenten Ruf – ein Resultat der deutsch-afghanischen Entwicklungszusammenarbeit seit 1970. In diesem Rahmen kamen auch Ärzte ins Land, wie beispielsweise der deutsche Zahnarzt Professor Dr. Heinrich Fauth. Er war von 1970 bis 1983 als Berater für Zahnmedizin beim afghanischen Gesundheitsminister tätig. In diesen dreizehn Jahren, zuletzt unter Kriegsbedingungen, gelang es ihm, eine zahnmedizinische Fakultät an der Universität Kabul zu gründen und die veraltete Zahnklinik von Kabul zu renovieren und auszubauen, wodurch die zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung erheblich verbessert werden konnte. Auch nach seinem Weggang betreute Professor Fauth seine Klinik weiterhin materiell und finanziell. Mit dem ersten deutschen ISAF-Kontingent im Januar 2002 kamen die großen deutschen Regierungsorganisationen wie GTZ, THW, DED und KfW sowie etliche Nichtregierungsorganisationen wie die Welthungerhilfe, Caritas, Malteser und AGEF ins Land. Die Zahnklinik war zwar von Kriegsschäden verschont geblieben, befand sich aber durch die Wirren des Krieges in einem völlig heruntergekommenen Zustand und war dringend sanierungsbedürftig. Schon bald begannen die Rehabilitierungsmaßnahmen unter Federführung der GTZ.
AGEF beteiligte sich mit Training-on-the-Job-Maßnahmen. Neue Wasser- und Elektroleitungen wurden
verlegt, neue Sanitäreinheiten entstanden, die Wände wurden frisch verputzt und erhielten einen neuen Anstrich. Jedoch war die medizinische Inneneinrichtung katastrophal und die Ausbildung der Ärzte nur unzureichend. Im Oktober desselben Jahres kam der 54-jährige Zahnarzt Dr. Hermann Ester im Auftrag des Centrums für internationale Migration und Entwicklung (CIM) als so genannte ‚Integrierte Fachkraft’ an die Zahnklinik. Sein Auftrag lautete, den Direktor zu beraten, Hilfe bei der Einrichtung von zahnärztlichen Behandlungszimmern zu leisten, fehlende zahnärztliche Großgeräte, Instrumente und Verbrauchsmaterialien zu beschaffen und die Ärzte an diesen Geräten einzuweisen und auszubilden.
„Nur noch zwei zahnärztliche Behandlungsstühle waren funktionsfähig, acht noch einigermaßen zu gebrauchen und die restlichen 40 Stühle waren nur Schrott“, erinnert sich CIM-Berater Dr. Ester mit Schaudern. Ebenso düster sah es im Operationssaal und in der Bettenstation aus. „Großes Anästhesiegerät fehlte völlig, das heißt, die Narkose erfolgte intravenös oder mit Maskenbeatmung.“ Auch das Labor war völlig verwaist. „Oft war die Extraktion die einzige mögliche Therapie“, so der Zahnarzt. Doch diese Umstände konnten den Oberfeldarzt nicht abschrecken. „Mit dem ersten ISAF-Kontingent war ich
bereits vier Monate in Kabul gewesen. Ich musste erfahren, wie schlecht es um die zahnärztliche Versorgung stand, denn in unserem Feldlazarett behandelten wir notfallmäßig auch Afghanen. Auch hatte ich durch häufige Besuche der Zahnklinik von Kabul und durch Hospitation der afghanischen Kollegen in der Feldstation gute Kontakte zur Klinik und wusste daher genau, was fehlte. Damals reifte in mir die Idee, vom deutschen Verteidigungsministerium Geräte, Instrumente für Kieferchirurgie, Zahnbehandlung und Zahntechnik aus den alten Feldzahnstationen für die Zahnklinik von Kabul zu erbetteln.“ Als Dr. Ester dann zurück in Deutschland von CIM die Anfrage erhielt, direkt in der Zahnklinik von Kabul zu arbeiten, zögerte er keine Sekunde. Der Oberfeldarzt wurde von der Armee beurlaubt und trat kurze Zeit später seine Stelle an. „Schon bald nach meiner Ankunft trafen die erbettelten Geräte ein und konnten sofort eingesetzt werden. Sie stammen noch aus den 60er Jahren und sind sehr einfach zu bedienen. Also genau die Technik, mit der die afghanischen Ärzte umgehen konnten. Außerdem hatten sie den großen Vorteil, sehr robust und reparaturfreundlich zu sein. Meine ehemaligen Mitarbeiter der ISAF Feldzahnstation sammelten gleichzeitig bei der Bundeswehr ausgemustertes Instrumentarium und zahnmedizinische Geräte aus Zahnstationen, die auf Grund der Truppenreduzierung „stillgelegt“ waren. Dieses Material konnte in Afghanistan zweckdienlich weiter verwendet werden und war eine willkommene Hilfeleistung der Bundeswehr.“ Mit der Großsachmittelhilfe von CIM in Höhe von
26.000 Euro konnte notwendiges ergänzendes Verbrauchsmaterial gekauft werden wie Amalgam, Kunststoffe und Anästhetika sowie diverse Kleingeräte, Instrumente und ein moderner, mobiler Zahnbehandlungskoffer für Einsätze in der Dritten Welt. Im Herbst 2003 wurde die Klinik dann von der GTZ mit fünf modernen Zahnbehandlungseinheiten, wie sie auch in deutschen Praxen stehen, ausgestattet. „Die besten und lernfähigsten Ärzte, zumeist mit Studienabschluss aus Russland, Pakistan oder dem Iran, wurden an diesen modernen Behandlungseinheiten in einem Training-onthe- Job ausgebildet, so dass sie ihr Wissen an andere Zahnärzte im Schneeballsystem weitergeben können“, so Dr. Ester. Heute erhalten dank der gut funktionierenden nationalen Zusammenarbeit mit ISAF, BMVg, GTZ und AGEF rund 400 Afghanen täglich eine fachgerechte Versorgung in der Zahnklinik. „Allerdings befindet sich die Behandlung in einigen zahnmedizinischen Fachdisziplinen heute noch auf dem Stand Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg“, schätzt Dr. Ester realistisch ein. Auf Jahre hinaus wird Afghanistan seiner Meinung nach noch ein Notstandsgebiet bleiben. „Zur Zeit haben Schönheit und Kosmetik hier keine Priorität. Die Patienten sind schon zufrieden, wenn sie von Schmerzen befreit werden und ein funktionierendes Kauorgan haben.“ So gibt es nach wie vor – aus Kostengründen – keine Implantate oder aufwändige Versorgung mit Brücken, sondern hauptsächlich herausnehmbare Prothesen, um Zahnlücken zu schließen.“Das größte Problem der Klinik ist und bleibt das fehlende Budget. „Die medizinische Versorgung ist laut afghanischer Verfassung kostenlos. Somit darf die Klinik keinen Cent für die zahnmedizinische Behandlung annehmen, also nicht einmal einen Dollar für eine Zahnfüllung, und kann somit kein eigenes Budget erwirtschaften.“ Für die Anschaffung von Verbrauchsmaterialien gibt es kein Geld vom afghanischen Staat. Somit bleibt die Zahnklinik auf kostenlose Sachspenden aus dem Ausland angewiesen, die immer seltener werden. Und weil die Zahnärzte nur gerade mal 36 US Dollar im Monat verdienen, sind sie zumeist auf einen Nebenjob angewiesen. Zwar ist das Gesundheitsministerium ebenfalls der Ansicht, dass die Klinik neben den Hilfslieferungen dringend selbst Gelder erwirtschaften
müsste, um den Klinikbetrieb aufrechterhalten zu können. Doch eine solche Entscheidung darf nur von einer Großen Ratsversammlung, der ‚Loya Djirga’, getroffen werden. Wenn Dr. Ester, dessen Zeit an der Zahnklinik demnächst abläuft, Bilanz ziehen soll, so schaut er mit einem hoffnungsvollen aber auch einem skeptischen Auge in die Zukunft der zahnärztlichen Versorgung Afghanistans. „Unsere Zahnklinik entwickelt sich zwar ständig weiter. Aber sie muss wie ein genesender Patient auf der Intensivstation gesehen werden, der in nächster Zeit noch zwingend auf fremde Hilfe und Unterstützung angewiesen sein wird.“
© A.B.
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