Neues Deutschland
Die eiserne Schwester Karla von Chak-e-Wardak
Trotz Morddrohungen leistet ein deutsches Hospital Hilfe in tiefster afghanischer Provinz
Von Hilmar König, Delhi
Während die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ihre Arbeit in Afghanistan einstellt, hält die deutsche Krankenschwester Karla Schefter eisern an ihrem Hospitalprojekt in der Provinz Wardak fest.
Es war reiner Zufall, dass genau an dem Tag, an dem die Ärzte ohne Grenzen wegen der Sicherheitsprobleme und der mangelnden Kooperation seitens staatlicher Behörden Afghanistans aufgaben, aus Kabul ein Brief von Schwester Karla mit ihrem jüngsten Lagebericht eintraf. Auch sie erwähnt die Drohung der Taliban, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen anzugreifen, weil diese angeblich mit den USA kollaborierten.
Inzwischen wurde mit dieser Drohung gleich mehrfach Ernst gemacht: Anfang Juni stoppten Banditen ein MSF-Fahrzeug und töteten drei Ärzte und zwei Afghanen. Bei einer anderen Attacke kam im gleichen Monat ein Norweger ums Leben. Elf Chinesen wurden beim Straßenbau in Thakar ermordet. In Kandahar beschossen Rebellen das Gebäude des UN-Flüchtlingshilfswerks mit Raketen. In Kundus ging das Auto einer schwedischen Organisation in Flammen auf. Angesichts dieser Situation hat man auch die Sicherheitsmaßnahmen für das Hospital Chak-e-Wardak verstärkt, das in diesem Jahr sein 15. Gründungsjubiläum begeht.
Karla Schefter hatte dort gleich nach dem Abzug der sowjetischen Truppen eine Erste-Hilfe-Station eingerichtet, die im Laufe der Jahre dank ihres unermüdlichen Einsatzes, einer rührigen Spendergemeinde und des 1993 gegründeten deutschen »Komitees zur Förderung medizinischer und humanitärer Hilfe in Afghanistan e.V.« zum einzigen Gesundheitszentrum in der Provinz entwickelt wurde.
Das Hospital gehört heute mit einer chirurgischen Abteilung, mit Röntgen, Ultraschall, EKG, Physiotherapie und Zahnarztklinik zu den fünf modernsten medizinischen Einrichtungen Afghanistans. Das Wachpersonal, das nach einem Raubüberfall auf das Krankenhaus im Juli 2003 eingestellt worden war und seitdem eine gute Arbeit leistet, erhielt im Juni zusätzliche Kalaschnikow-Maschinenpistolen.
Seit 1994 versorgten sechs Ärzte, zwei Ärztinnen, fünf Schwestern, fünf Pfleger und 15 Gesundheitshelfer rund 400000 Patienten, davon 70 Prozent Frauen und Kinder. Behandelt werden vor allem Unfälle, Verletzungen, nicht zuletzt solche, die durch Minen entstanden sind, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen und Infektionen. Dazu kommen Risikoschwangerschaften – täglich gibt es mindestens eine Geburt – sowie Tuberkulose, Typhus und Malaria. Das 60-Betten-Hospital ist zugleich regionales Impfzentrum von UNICEF, in dem jährlich mindestens 80000 Menschen immunisiert werden. Außerdem unternimmt das Personal regelmäßig Fahrten in entfernte Dörfer, behandelt dort ambulant, sorgt für hygienische und prophylaktische Gesundheitserziehung.
Von Zeit zu Zeit kommen Ärzteteams aus Deutschland oder aus Kabul. So operierte im Mai eine Gruppe von Interplast Deutschland in Chak-e-Wardak in zwölf Tagen 156 Patienten, die den ärmsten Bevölkerungsschichten angehörten, darunter zahlreiche Nomaden. Im Juni führten Augenärzte aus Kabul in zehn Tagen 33 Operationen durch und behandelten insgesamt 1253 Patienten.
Auch wenn der medizinische Bereich Karla Schefters Hauptbetätigungsfeld ist, steht sie doch mit beiden Beinen im afghanischen Alltag. So berichtet sie von der deutlich sichtbaren Landflucht. Die Jungen zieht es in die Stadt, wo man nicht nur besser verdient, sondern auch relativ angenehm lebt. Sie zeichnet ein realistisches, widersprüchliches Bild von Kabul, schreibt über die verschleierten und die unverschleierten Frauen, die zur Schule gehenden Mädchenschwärme, aber auch über Heroinabhängige, Alkohol auf Getränkekarten, Prostituierte sowie Händler, die Pornos anbieten. Und sie empört sich über immer noch horrenden Mieten, die auf Konten im Westen lebender Afghanen gehen.
Zugleich verweist sie auf ein höchst strittiges Problem: Präsident Hamid Karsai will internationale Hilfsgelder direkt kassieren, um die Beamten bezahlen zu können, während die Fonds für Nichtregierungsorganisationen, die in vielen Fällen Arbeitgeber und Helfer für die wirklich Bedürftigen sind, beschnitten werden sollen. Auch die kommenden Wahlen gehen nicht spurlos an Chak-e-Wardak vorbei. Das Krankenhaus stellt Räumlichkeiten für die Schulung von Wahlhelfern und ein Wahllokal für Frauen bereit. 250 Frauen sind dort registriert worden.
Ihren Report schließt die nimmermüde Samariterin mit einem Gruß an die Afghanen und die Spender in Deutschland: »Liebe und Frieden«.
(ND 12.08.04)
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