Leishmaniose-Epidemie in Afghanistan
8/12/2004 Deutsches Ärzteblatt
GENF. Ein Notfall-Plan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll eine Epidemie der kutanen Leishmaniose in der afghanischen Hauptstadt Kabul eindämmen, die außer Kontrolle zu geraten droht. Finanziert wird die Aktion durch eine Spende der belgischen Regierung über 200 000 Euro.
Etwa 200 000 Afghanen, etwa vier Prozent der Bevölkerung des Landes, sind nach Schätzungen der WHO an einer kutanen Leishmaniose erkrankt. Die Infektion wird durch Protozoen vom Genus Leishmania verursacht. Überträger sind Sandmücken. Bei der kutanen Form (es gibt auch eine viszerale Variante, die Kala Azar, und eine mukokutane Variante) kommt es, häufig im Gesicht, zu entstellenden Geschwüren, die früher als Orientbeule bezeichnet wurden. Sie heilt unter Narbenbildung ab. Die Leishmaniose ist weltweit in 88 tropischen und subtropischen Ländern verbreitet. Etwa 90 Prozent der Erkrankungen entfallen auf Afghanistan, Algerien, Brasilien, Iran, Irak, Peru, Saudi-Arabien und Syrien.
In Afghanistan hat sich die kutane Leishmaniose infolge der Kriege deutlich ausgebreitet. Kabul gilt als die Stadt mit den meisten Erkrankungen weltweit. Die WHO schätzt, dass es in Kabul derzeit 67 500 Erkrankungen gibt. Die schlechten hygienischen Bedingungen und viele illegale Müllkippen in der Stadt erleichtern die Ausbreitung der Epidemie. Der Notfall-Plan sieht die Verteilung von 16 000 mit Insektiziden imprägnierten Moskitonetzen vor. Dadurch könnten etwa 30 000 Menschen geschützt werden. Ob dies ausreicht, um die weitere Ausbreitung der kutanen Leishmaniose aufzuhalten, bleibt abzuwarten.
Auch in Deutschland gibt es hin und wieder importierte Erkrankungen. Im Jahr 2000 wurde deshalb am Tropeninstitut in Berlin ein Nationales Referenzzentrum eingerichtet. In den ersten zwei Jahren wurden dort 70 Leishmaniosen registriert, darunter 43 kutane/myokutane und 27 viszerale Fälle. Die Ärzte dort schätzen, dass es sich etwa um die Hälfte der importierten kutanen und ein Drittel der viszeralen Fälle handelt.
Gefährdet sind nicht nur Soldaten in Afghanistan. Etwa die Hälfte der kutanen und fast 80 Prozent der viszeralen Leishmaniosen werden von deutschen Touristen in Regionen erworben, wo die wenigsten die Erkrankung vermuten: nämlich auf Ibiza, Ischia, Mallorca, Malta, Korfu oder Sizilien. Ein einziger Mückenstich kann ausreichen. Wegen der globalen Erwärmung wird mit einer Ausbreitung der Tropenerkrankung nach Norden gerechnet. Ein potenzieller Vektor, Phlebotomus mascittii, ist in Süddeutschland bereits nachgewiesen worden. Auch eine Erkrankung bei einem Kind, das Deutschland niemals verlassen hat, hat es gegeben (Epidemilogisches Bulletin 2003; 33 und Emerging Infectious Diseases 2003; 9: 872-5)./rme
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